„Ich esse, also bin ich“


„Essen oder nicht essen?“, fragt der „Spiegel“-Titel in dieser Woche. Ob Veganer, Paleo-Anhänger oder Rohköstler: Die Frage, was und wie wir essen, ist heute politisch und ideologisch aufgeladen. Glück durch Verzicht?

 

Wir Deutschen leben im Schlaraffenland: Noch nie waren so viele, so sichere und vor allem so billige Lebensmittel jederzeit verfügbar. Ob im Supermarkt, auf der Straße, im Restaurant. Die Entwicklung hat freilich nicht nur ihr Gutes, denn noch nie waren die Deutschen so dick. Am Ende ihres Berufslebens sind rund 74 Prozent aller Männer übergewichtig, bei Frauen steigt der Anteil ab 55 Jahren auf mehr als 50 Prozent, ergab jüngst eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Diese Gruppe isst, um (zu) satt zu werden.

 

Für die andere Gruppe, Free-Froms (wörtlich: frei von) genannt, wird Essen zum Dogma. Diese Menschen definieren sich über den Verzicht – auf Fleisch, Gluten, Laktose und was auch immer. Der Begriff Ernährung habe sich damit sehr weit von seiner eigentlichen Bedeutung entfernt, konstatiert „Spiegel“-Autorin Susanne Amann: „Kaum einer Alltagshandlung wird inzwischen größere Bedeutung zugemessen als der täglichen Nahrungsaufnahme.“ Warum das so ist? „Ich esse, also bin ich“, liefert sie im Titel ihrer Geschichte die Begründung nach: Essen gibt Orientierung und Identität. Der Verzicht sei quasi logische Gegenreaktion auf den Überfluss.

 

Es gibt eine dritte Gruppe. Zum Glück, möchte man sagen. Auch sie lässt Amann zu Wort kommen: Menschen, die dem maßvollen Genuss frönen. Genießer wie der Stuttgarter Starkoch Vincent Klink etwa, der in seinem Stuttgarter Restaurant mit dem Hinweis „Für Allergiker keinen Zutritt!“ jüngst unter den Free-Froms einen Shitstorm auslöste. „Es müsste ein Missionierungsverbot geben für Religion und Essen“, fordert Klink und plädiert mit Krustenpastete vom Schwäbisch-Hällischen Landschwein oder Rücken und Geschmortem vom Alblamm, grünen Böhnchen und Kartoffelgratin für einen entspannten Umgang mit gutem Essen.

 

Denn Deutschland, auch das gehört zum Thema, hat sich weiterentwickelt in Sachen Kulinarik. „Es gibt inzwischen 292 Restaurants mit einem oder mehreren Sternen“, belegt dies die Autorin. Zugleich werde immer mehr Wert auf die Qualität der Zutaten gelegt – und immer mehr Verbraucher seien bereit, dafür zu zahlen.

 

Neue, sinnliche Esserfahrungen sieht auch die Trendforscherin Hanni Rützler vom Zukunftsinstitut gefragt, die in ihrem Food Report 2018 schreibt: „Wir leben in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen besonders dafür interessieren, was sie essen, woher ihr Essen kommt, woraus es sich zusammensetzt, wie es verarbeitet und zubereitet wird. Und vor allem: wie es schmeckt.“

 

Willkommen Genießer!

 

 

 

b2ap3_thumbnail_blog_Folge15_Spiegel_2.png

b2ap3_thumbnail_blog_Folge15_Spiegel_3.png


Zuletzt bearbeitet am
Bewerte diesen Beitrag:

Kommentare



  • Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!