Die Hände in den Schoß legen


„Zwischen den Jahren“ ist eine besondere Zeit: Das alte Jahr geht seinem Ende entgegen, das neue Jahr ist noch fern. Die Tage zwischen Heiligabend und dem Dreikönigsfest heißen Rauhnächte. Allerlei Brauchtum, Aberglaube, Orakel und Magie ranken sich um diese zwölf geheimnisvollen Nächte. In manchen Hohenloher Bauersfamilien leben sie noch heute fort.

 

„Das Brauchtum war sehr eng mit dem Kirchenjahr und den Jahreszeiten verbunden. Sie bestimmten überhaupt den Rhythmus des Lebens“, schreibt der Heimatdichter Walter Hampele in seinen Erinnerungen als Hohenloher Bauernbub. Und weiter: „Ende und Anfang des Jahres sind eng verknüpft. Solche Übergänge haben im Volksglauben besondere Bedeutung, zumal in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönig, wo die heidnischen bösen Geister von Wotans ,wiadichem Heer’ umgehen.“

 

Die Rauhnächte gehen immer von Nacht zu Nacht. Gezählt wird so: Die erste Rauhnacht beginnt an Heiligabend – der Mutternacht – um Mitternacht und endet am 25. Dezember um 24 Uhr. „Nacht“ deshalb, weil im keltischen Jahreskreis der ganze Tag Nacht ist. Die letzte Rauhnacht endet um 24 Uhr am 5. Januar; danach ist das Dreikönigsfest. Es gibt also zwölf dieser geheimnisvollen Nächte.

 

In den Rauhnächten wurde (und wird mancherorts noch heute) möglichst nicht gearbeitet, die Menschen legten für einige Tage die Hände in den Schoß. Seit alters her wird jede dieser Rauhnächte für einen Monat des Jahres zum Deuten und Orakeln genutzt. Somit steht die erste Rauhnacht für den Januar, die zweite für den Februar und so fort. Beobachtet wird alles: das Wetter, wie das Essen geschmeckt hat, ob gestritten wurde oder ob es friedlich zuging. Die Rauhnächte bergen also das ganze kommende Jahr in sich.

 

Die Hohenloher Märchenforscherin Sigrid Früh hat dazu Überliefertes gesammelt: Jegliche Arbeit ist verboten in den Rauhnächten, sonst falle der Wolf in die Herde und das Vieh gedeihe nicht. Vor diesen Tagen soll alles Verliehene wieder zuhause sein. Alles Ackergerät muss unter Dach sein, kein Backgerät oder Holz darf vor dem Ofen liegen bleiben. Auch Backen und Spinnen sind strengstens verboten, auf keinen Fall darf Wäsche nach draußen gehängt werden. „Eine Zeit der inneren Ruhe, die der heutige Mensch wieder für sich entdeckt“, schreibt die Märchenfrau.

 

Tiere im Stall sollen um Mitternacht mancher Rauhnächte die menschliche Sprache sprechen und über die Zukunft erzählen – wer die Tiere allerdings sprechen höre, sterbe unmittelbar danach. Mancherorts dürfen sich die Tiere bei einem Hausgeist über ihren Herrn beschweren: Hat er sie im letzten Jahr schlecht behandelt, wird er bestraft. Das müssen die Bauern, die Schwäbisch-Hällische halten, nicht fürchten. Die Tiere leben so, wie es sich für Schweine gehört – mit viel Platz und auf Stroh.

 

Zwischen den Jahren die abgearbeiteten Hände in den Schoß legen: Das eindrucksvolle Dokument bäuerlicher Lebensart stammt von dem Hohenloher Fotografen Roland Bauer.

 

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