Regionale Wildsamen vermehren


Markus Ehrmann treibt’s ganz schön bunt. Zwischen Getreide und Mais finden sich Felder mit Braunelle, Gelbem Labkraut & Co. Rund um Herbertshausen vermehrt der Landwirt Wildpflanzensaatgut.

 

Viele Blühstreifen, die allerorts die Felder säumen, genügen Markus Ehrmanns Ansprüchen nicht. „Lebensraum für Insekten, das bedeutet nicht nur Nahrung, sondern auch Heimat“, klärt der promovierte Landwirt auf. Und die bieten vor allem mehrjährige Pflanzen. Dafür werden unter anderem die rund 50 Wildpflanzenarten verwendet, die er auf seinen Feldern vermehrt. Etwa 25 Hektar hat er dafür reserviert. Auf den anderen Flächen baut er Futtergetreide für die Schwäbisch-Hällischen Schweine an – der Hauptbetriebszweig des Hofs.

 

Abnehmer der Wildsamen ist die Firma Rieger-Hofmann in Raboldshausen (www.rieger-hofmann.de). „Derzeit vermehren wir zusammen mit unseren Anbaupartnern an über 60 Standorten in Deutschland gebietsheimisches Saatgut“, informiert die Webseite, „auf etwa 400 Hektar und ca. 1900 Ackerschlägen gedeihen in sorgfältig geführten Beständen etwa 400 Wildarten für standortgerechte Saatgutmischungen.“

 

Die Wildsamenproduzenten haben Deutschland in 22 Ursprungsgebiete eingeteilt – vom Nordwestdeutschen Tiefland bis zu den Alpen. Markus Ehrmanns Flächen liegen im Süddeutschen Berg- und Hügelland. Laut Naturschutzgesetz sollen Samenmischungen, die als Straßenbegleitgrün oder an Uferböschungen eingesetzt werden, aus regionaler Herkunft stammen; Zuchtsorten entsprechen nicht den Vorgaben.

 

„Es gilt, Pflanzen und Arten der Region zu erhalten und zu vermehren“
Markus Ehrmann, Landwirt

 

„Wir gewinnen autochthones Saatgut für die Bewahrung der Natur, der Schöpfung“, beschreibt Markus Ehrmann seine Motivation, „es gilt, Pflanzen und Arten der Region zu erhalten und zu vermehren.“ Nicht das Aussehen der Pflanzen sei wichtig, sondern die Vielfalt. Die wird auf einer Rundtour offensichtlich.

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Über dem lilafarbenen Feld mit Braunelle summen die Bienen. Markus Ehrmann zupft ein Köpfchen: „Hier sieht man alle Stadien: in voller Blüte, verblüht und mit ausgebildetem Samenstand.“ Jetzt gilt es, den richtigen Zeitpunkt für die Ernte zu bestimmen. Setzt er diesen zu spät an, hat vielleicht der Wind alles zunichte gemacht. Dagegen gibt es einen Trick: „Damit die Samen nicht ausfallen, ernten wir früh morgens, wenn die Pflanzen noch nass vom Tau sind“, erklärt der Landwirt. Anschließend wird die Ernte im Gewächshaus getrocknet.

 

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Geerntet wird mit dem Schneidlader, dem Mähdrescher – oder per Hand. Wie Markus Ehrmanns Angestellter, der Iraner Saeid, der mit Hut und Handschuh bewaffnet dem Löwenzahn ähnelnde Samenstände der Nickenden Kratzdistel einsammelt und in einen Papiersack stopft: „Die Vermehrung von Wildsamen ist sehr arbeitsintensiv.“

 

Seit zehn Jahren beschäftigt sich der Landwirt mit Wildsamen und hat einiges an Erfahrung gesammelt. Welche Pflanzen eher basische Böden bevorzugen, welche für trockenere oder für feuchtere Standorte geeignet sind. Und doch passiert es immer wieder, dass etwas nicht oder erst ein Jahr später gedeiht. Immer wieder bückt sich Markus Ehrmann und zieht eine Pflanze aus der Erde, dann lakonisch: „Das Unkraut wächst immer, meist schneller als das Gesäte.“ Und doch ist ihm anzusehen: Er hat Freude an dieser anspruchsvollen Arbeit.

 

Abbildungen:

  • 1 und 2: Ehrmann zeigt lilafarbene Braunellen in unterschiedlichen Reifestadien.
  • 3 und 4: Der Iraner Saeid sammelt Samenstände der Nickenden Kratzdistel ein.

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